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Bilder und soziale Medien in einem visuellen Zeitalter

 

In der modernen Mediengesellschaft sind Bilder zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltagslebens geworden. Visuelle Medien wie Foto, Film und Video begegnen uns ständig und überall. Verstärkt worden ist diese Entwicklung durch das Aufkommen der sozialen Medien. Durch sie sind Bilder zu einem entscheidenden kommunikativen Element in unserer Gesellschaft geworden.

Besonders junge Menschen nutzen in starkem Maße visuelle Medien. Gut die Hälfte aller Jugendlichen in Deutschland nehmen mit ihrem Smartphone Fotos oder Filme auf und verschicken sie. (1) Zur beliebtesten Medienbeschäftigung in der Freizeit gehört die Rezeption von Videos und Fotos im Internet. Am stärksten werden soziale Netzwerke wie YouTube und Instagram präferiert. Wenn es um die aktive Kommunikation mit Bildern geht, stellen Netzwerke wie Snapchat oder Instagram die am meisten genutzten Medien dar. (2) Weltweit werden in Instagram täglich über 80 Millionen Fotos und Videos geteilt, in Deutschland gehören Jugendliche zur größten aktiven Nutzergruppe. (3)

Abb. 1: Umgang von 12- bis 19-Jährigen mit Medien

Vor diesem Hintergrund ist dem Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting zuzustimmen, der bereits 2008 zu folgender Einschätzung gelangte: „Bilder durchdringen und beherrschen die zeitgenössische Kultur in einem Maße, dass man von einer visuellen oder visuell geprägten Kultur sprechen kann (…).“ (4)

Grundeigenschaften des Visuellen


Wenn Bilder in unserer Gesellschaft eine derart wichtige Bedeutung erhalten, liegt die Frage nahe, worin ihre besondere Attraktivität liegt. Zur Beantwortung dieser Frage kann es hilfreich sein, zunächst die spezifische Eigenart des Visuellen näher zu betrachten.

Bilder vermögen Dinge auszudrücken, die mit Worten niemals zu beschreiben wären. Diese Qualität des Bildlichen wird besonders deutlich, wenn man sie mit der Sprache vergleicht. Die Unterscheidung zwischen einer „präsentativen Symbolik“ der Bilder und einer „diskursiven Symbolik“ der Sprache geht auf die amerikanische Philosophin Susanne K. Langer zurück. Sie konstatiert grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Ausdrucksformen: „Visuelle Formen – Linien, Farben, Proportionen usw. – sind ebenso der Artikulation, d.h. der komplexen Kombination fähig wie Wörter. Aber die Gesetze, die diese Art von Artikulationen regieren, sind von denen der Syntax, die die Sprache regieren, grundverschieden. Der radikalste Unterschied ist der, dass visuelle Formen nicht diskursiv sind. Sie bieten ihre Bestandteile nicht nacheinander, sondern gleichzeitig dar, weshalb die Beziehungen, die eine visuelle Struktur bestimmen, in einem Akt des Sehens erfasst werden.“ (5)

Präsentative Symbole wie Bilder ermöglichen die Artikulation der Ganzheit in ihrer sinnlichen Fülle, sie sind konkreter als abstrakte Worte, sind emotionaler und können Erlebnisse und Stimmungen ausdrücken, die durch Sprache auf diese Weise nicht vermittelbar wären. Fotografische Bilder ermöglichen eine unmittelbare „Beteiligung“ am gezeigten Geschehen und bringen etwas in verdichteter Form auf den Punkt, das für die Betrachter „auf einen Blick“ erschließbar ist. Diese Grundeigenschaften des Visuellen machen zu einem großen Teil die Attraktivität der Bilder aus.

Bilder als visuelles Kommunikationsmedium


Dass Bilder in unserer Gesellschaft heutzutage eine solch große Relevanz haben, hängt aber noch mit einem weiteren Umstand zusammen. Erst die Technologien der sozialen Netzwerke haben es ermöglicht, dass Bilder massenhaft und auf einfache Weise für die Kommunikation genutzt werden können. Die Mitglieder eines Netzwerkes können die mit ihrem Handy produzierten Bilder jederzeit, ohne technischen Aufwand und kostenfrei mit anderen teilen.

Abb. 2: Handyfoto für soziale Netzwerke

Die geteilten Fotos fungieren dabei als Kommunikationsanlass. Sobald ein neues Bild gepostet wird, werden die Follower über den Neuzugang informiert. Dies löst nicht selten Kommunikationsabläufe in Form wechselseitiger Kommentierungen aus. Die Follower reagieren auf das neue Bild mit Bemerkungen, teilen und verlinken es oder posten ihrerseits ein neues Bild als eine Art visuellen Kommentar. Studien zur Verbreitung von Bildinhalten und Nutzeraktivitäten zeigen, dass bei jungen Menschen besonders diejenigen Fotos attraktiv sind, die zum Kommentieren, Bewerten und Verlinken anregen. (6) Fotografiert und geteilt werden Bilder, die im Kreis der Follower und Freunde für Gesprächsstoff sorgen und Rückmeldungen auszulösen vermögen.

Hieran wird die kommunikative und soziale Funktion der geteilten Bilder deutlich: Sie dienen der Aufmerksamkeitsgenerierung, der Pflege von Beziehungen und der Eigenpositionierung im Freundeskreis. In ihrer Untersuchung zu den „Bilderwelten der Social Network Sites“ definiert Ulla Autenrieth folgende Ebenen, die relevant für das Bildhandeln junger Menschen sind: die Sachebene, auf der etwas gezeigt und dokumentiert wird; die Appellebene, auf der Reaktionen provoziert werden; die Beziehungsebene, auf der Kontakte vorgezeigt und hervorgehoben werden, sowie die Selbstoffenbarungsebene, bei der es um die Darstellung der eigenen Person geht. (7) In dieser Hinsicht sind Bilder in sozialen Medien mehr als nur bildliche Darstellungen, vielmehr stellen sie – ermöglicht durch die neuen Interaktionsmöglichkeiten in den Netzwerken – ein visuelles Kommunikationsmedium dar, mit dem Aspekte der eigenen Lebenswelt und der eigenen Identität gemeinsam mit anderen verarbeitet werden können.

Risiken der Kommunikation in sozialen Netzwerken

 

 

Abb. 3: Selfie – inszenierte Selbstdarstellung

Gerade bei jungen Menschen kann die visuelle Kommunikation in sozialen Netzwerken zur Orientierung an der Logik einer Ökonomie der Aufmerksamkeit (8) führen. Fotos werden dann gerade deswegen gepostet, um möglichst viel Aufmerksamkeit in Form von Likes oder Reaktionen zu erzielen. Gestaltung und Inszenierung von Selbstdarstellungen ordnen sich dem Ziel unter, möglichst viel positive Resonanz zu erzeugen. Entsprechend groß ist dann die Frustration, wenn die gewünschten Reaktionen ausbleiben.

Generell besteht die Gefahr, dass im Zuge dieser Dynamik die Selbstwertschätzung zu stark an die Reaktionen anderer gekoppelt wird. Darüber hinaus kann diese Orientierung nach außen zu einer Übernahme von Inszenierungsstrategien führen, die im Netz besonders populär und beliebt sind. Oft und gern imitiert werden die Gestaltungsstrategien und Schönheitsideale, wie sie von berühmten Vorbildern, den Stars und Sternchen der sozialen Medien repräsentiert werden. Zum Zuge kommen dabei nicht selten stark heteronormative und marktförmige Formen der Selbstinszenierung. Viele Selbstdarstellungen im Netz zeichnen sich durch eine Wiederkehr der immer gleichen Posen und Inszenierungsstile aus. Dabei orientieren sich viele Jugendliche tendenziell an ästhetische Inszenierungsmuster, die als klassisch männlich – z.B. cool, muskulös oder stark – bzw. klassisch weiblich – wie z.B. schlank, schön und freundlich – gelten können. (9)

Besonders die Orientierung an inszenierten Schönheitsidealen und Körperbildern kann negative Effekte haben, die zur Beeinträchtigung von Gesundheit, körperlichen Wohlbefinden und Selbstwertgefühl führen. Aus der Forschung ist bekannt, dass Mädchen, die in sozialen Netzwerken oft mit einem sehr schlanken Körperbild konfrontiert sind, mit ihrem Körper eher unzufrieden sind und häufiger Essstörungen zeigen. (10) Bei jungen Mädchen scheint eine geringe Körperzufriedenheit nicht selten auch mit einem geringen Selbstbewusstsein verbunden zu sein. (11) Auch Jungen können Schönheitsideale entwickeln, die mit Essstörungen einhergehen oder nur durch übermäßigen Muskelaufbau zu realisieren sind. (12)

Die Orientierung an populären Darstellungs- und Inszenierungsformen birgt generell die Gefahr, sich von fremden Idealvorstellungen bestimmen zu lassen. Kreative Selbstauseinandersetzung kann dadurch blockiert und eine selbstbestimmte Entwicklung angemessener Körperbilder und -ideale erschwert werden.

„Visual Literacy“ als Medienkompetenz


Die dargelegten Aspekte machen deutlich, dass visuelle Medien einen entscheidenden Einfluss auf die Sozialisation von Heranwachsenden haben. Jugendliche ziehen aus ihnen einen großen Teil ihrer ästhetischen, kulturellen und sozialen Orientierung. Wie zu sehen war, können die Bilder in den sozialen Netzwerken sie auch zu Vorstellungen über sich und die Welt verleiten, die zu problematischen Verhaltensmustern führen. Bei der Förderung von Medienkompetenz muss es daher darum gehen, die kommunikativen Bildmedien der sozialen Netze gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in den Blick zu nehmen. Eine bewusste Auseinandersetzung über ihre Gestaltungsformen, Strukturen und Wirkmöglichkeiten bietet die Chance, dass visuelle Botschaften analysiert und hinterfragt werden können. In diesem Sinne geht es um die Ausbildung einer „Visual Literacy“, bei der die Fertigkeit im Zentrum steht, visuelle Medienbotschaften entschlüsseln und interpretieren, hinsichtlich ihrer Bedeutung für das eigene Leben kritisch einschätzen und schließlich auch selbst herstellen und verantwortungsvoll kommunizieren zu können.

In diesem Medienpaket sind daher verschiedene Unterrichtsvorschläge versammelt, die sich der Bedeutung der Bilder in den sozialen Medien widmen. Hilfreich können aber auch die angebotenen Unterrichtsideen sein, welche die visuelle Sprache des klassischen Kinofilms oder die Möglichkeiten der digitalen Bildmanipulation zum Inhalt haben. Denn hier geht es um Grundeigenschaften von Bildmedien, die auch für die Bilder in den sozialen Netzen von Relevanz sind. Insofern kann der Erwerb von Wissen zu den Konstruktionsprinzipien bildlich-filmischer Darstellungen und Erzählungen oder zu den Verfahren digitaler visueller Effekte auch zu einer bewussten Bildkommunikation der Schülerinnen und Schüler in den sozialen Medien beitragen.



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